Brexit-Konzert in der Elphi: So schön kann Politik klingen

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Papier-Flugzeuge segeln durch die Luft, Zeitungen werden in Streifen gerissen. Das hier ist allerdings kein Klassenzimmer ohne Lehreraufsicht, sondern der Große Saal der Elbphilharmonie! Matthew Herberts Brexit Big Band & Choir spielte am Sonnabend ein Konzert, das es in sich hatte.

Vor zwei Jahren, als in Großbritannien das Referendum den Prozess zum EU-Austritt einleitete, fasste der Elektro-Produzent seinen ambitionierten Entschluss: Herbert (46) plante ein Big-Band-Album, auf dem Musiker aus ganz Europa kollaborieren und sich künstlerisch mit dem Brexit auseinandersetzen sollten.

Am Ende waren rund 1000 Künstler in die Aufnahmen involviert. Gut ein Zehntel davon steht an diesem Abend auf der Bühne, um das Ergebnis vorzustellen. „Nobody Is An Island“ (zu Deutsch: „Niemand ist eine Insel“) aus dem Gedicht des englischen Schriftstellers John Donne sind die ersten gesungenen Worte des fast 100-köpfigen Chors – ein eindeutiges Statement!

Papierflieger und Bläser

Zu den Damen und Herren gesellen sich 13 Bläser, eine Rhythmussektion, die Leadsängerin Rahel Debebe-Dessalegne und natürlich Herbert selbst, der an seinem Pult Knöpfe dreht und immer wieder live aufgenommene Laute moduliert. Wenn er in seinem schwarzen Anzug, den Lackschuhen und den roten Socken zwischen den Musikern und dem Dirigenten hin- und hertänzelt, macht er dem Brexit geradezu alle Ehre! Im Kollektiv schwingen die Musiker die Rasseln, reißen statt der Brexit-freundlichen „Daily Mail“ symbolisch die „FAZ“ in Streifen und erbitten sich vom Publikum Papierflieger mit Nachrichten – worauf Dutzende davon durch die Elphi segeln.

Natürlich kommt die Botschaft des Abends auch musikalisch nicht zu kurz, wenn im zärtlich-melancholischen Song „You’re Welcome Here“ Toleranz und Weltoffenheit gepredigt werden. Und weil die Europäer bisher gar nicht zum Brexit befragt wurden, macht Herbert einfach sein eigenes Referendum: „Stay“ – „Bleibt“ – schallt es aus Hunderten von Kehlen! Ein Abend, der fast zu schön war für den Anlass.

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