Elbphilharmonie in Hamburg: Geliebt, bestaunt – aber es gibt Makel

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Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen Hamburgs. Neben viel Lob und ausverkauften Konzerten gibt es vereinzelt Kritik an der Akustik. Die meisten Zuschauer sind jedoch von dem Konzerthaus begeistert. 

„Wahnsinn“ – raunt eine Besucherin in einem der wenigen stillen Momente des bejubelten Verdi-Requiems. In einer 90-minütigen Interpretation nimmt Stardirigent Teodor Currentzis die Elbphilharmonie mit seinem MusicAeterna-Orchester im Frühjahr ein. Probleme mit der Akustik? Nicht für den griechisch-russischen Musiker, der mit seiner Präsenz beeindruckt. Die akustischen Möglichkeiten der Elbphilharmonie als Wirkungsverstärker seien Currentzis bestens vertraut.

Die Elphi in Hamburg ist noch immer ausverkauft

Und genau das ist die Crux im großen Saal des berühmten Hamburger Konzerthauses, das im Januar zwei Jahre alt wurde und immer noch ausverkauft ist. Ohne Vorbereitung auf den einmaligen Saal wird es schwierig – die Akustik verzeiht nichts.

Der designierte Chefdirigent des NDR Elbphilharmonie-Orchesters, Alan Gilbert, weiß das. Er findet bestens in seine neue Wirkungsstätte mit dem zeitgenössischen Stück „Le Grand Macabre“ von György Ligeti. In der Weltuntergangs-Anti-Oper kommen Autohupen zum Einsatz, Türklingeln überraschen die Zuhörer und der NDR-Chor wandelt durchs Publikum – der 52-Jährige meistert die Herausforderung. Nicht jeder Besucher hält es jedoch bis zum Schluss aus – so dissonant klingt der mutige Einstimmungsvortrag des Amerikaners mit japanischen Wurzeln.

Opernsänger Klaus Florian ist beeindruckt von der Atmosphäre

Der Opernsänger Klaus Florian Vogt äußert sich beeindruckt von der „unglaublichen Atmosphäre“ der Elbphilharmonie, räumt jedoch eine Besonderheit des großen Saals ein: „Man muss ihn zu bespielen wissen. Er klingt nicht von allein. Man muss etwas investieren. Aber dann klingt es toll“, sagte der 48 Jahre alte Startenor dem „Hamburger Abendblatt“. In der Elbphilharmonie kriege man nichts geschenkt.

Auch Kinderliedermacher Rolf Zuckowski mag die Akustik. „Die Elbphilharmonie hat ja den Vorteil, dass ich dort ganz allein zur Gitarre singen könnte und alle würden es hören. In dem Sinne kann man ganz leise Sachen ganz wunderbar hören“, sagt der 71-Jährige. Ganz laute Töne seien dagegen nicht ganz ungefährlich. „Der Saal ist so gebaut, dass die Klänge dann manchmal zu hart werden. Wenn man zum Beispiel Trompeten und Schlagzeug und ähnliches einsetzt.“ Der Saal sei eben ehrlich und ein bisschen gnadenlos.
Diese Erfahrung muss auch der Solostar des Orchestre de Paris machen, der Bratschist Antoine Tamestit. Das Orchester unter Leitung von Daniel Harding ist zum ersten Mal in dem Konzerthaus zu Gast und spielt „Klingende Landschaftsbilder“: Die Musiker lassen einen Bach plätschern, Vögel zwitschern, ein Gewitter donnern – und begeistern mit Beethovens Pastorale die Zuhörer.

Bei einem Auftritt sind die Schritte des Künstlers zu hören

Dann folgt Hector Berlioz‘ „Harold en Italie“. Tamestit gibt mit seiner Bratsche den einsamen Wanderer durch die Abruzzen. Er spielt frei und virtuos vor und hinter dem Orchester. In seiner schwarzen Hose mit sportlichen weißen Streifen an der Seite wirbelt er herum – und wird plötzlich Opfer der guten Akustik: Seine schnellen Schritte über die Stufen sind im Saal klar zu hören.

Der kleine Fauxpas verblasst jedoch vor seiner Meisterleistung, die an den „Teufelsgeiger“ Niccolò Paganini erinnert, der um 1830 den Anstoß zu Berlioz‘ Komposition gegeben hatte. Hamburgs früherer Erzbischof Werner Thissen (80) zeigt sich nach dem Konzert beeindruckt. Beide „Landschaftsbilder“ seien wunderbar gewesen. Aber: „Der „Harold“ war noch spektakulärer“, sagt der Kirchenmann und Musikliebhaber. Unternehmer Klaus-Michael Kühne (81) und Ehefrau sind ebenfalls angetan. Launisch fügt der Konzertsponsor einen Kritikpunkt hinzu: „Es fehlte die Zugabe.“

Ziemlich weit oben im Saal, in Rang 15, haben Lea Müller und Ilmari Hokkamen, gesessen. Das Paar – beide um die 30 – ist extra für das Konzert aus Regensburg (Bayern) angereist. Auch Müller hat der zweite Teil, „Harold en Italie“, besser gefallen: „Da war noch mehr Dynamik drin.“ Aber auch die leisen Töne seien zu hören gewesen. Der Klang sei allerdings noch besser gewesen, als Tamestit einmal vom seitlichen ersten Rang aus gespielt habe. Sie werden auf jeden Fall wieder in die Elbphilharmonie kommen, um von besseren Plätzen aus ein Orchester von vorne zu erleben, sagt der gebürtige Finne Hokkamen.

Auch Susanne und Karl-Heinz Friedrich aus Hannover erleben mit den „Klingenden Landschaftsbildern“ ihr erstes Konzert in der Elbphilharmonie. Die „Pastorale“ sei ihnen vertraut, aber diese Aufführung habe Dinge zu Gehör gebracht, die in anderen Konzertsälen verschwinden würden, sagt die Schulmusikerin. Ihr Mann stimmt zu: „Ich habe in der „Pastorale“ Sachen entdeckt, die mir noch nie aufgefallen sind.“

Die Konzerte in dem markanten Bauwerk an der Elbe sind immer noch ausverkauft, auch wenn es nach Angaben von Intendant Christoph Lieben-Seutter mit dem Kartenverkauf nicht mehr ganz so schnell geht wie zu Beginn. Unter den Besuchern an diesem Dienstagabend im Mai sind die üblichen gut gekleideten Klassikliebhaber älteren Jahrgangs eindeutig in der Mehrzahl. Aber in einer der vordersten Reihe ist auch ein jüngeres Paar in Jeans, Pulli und Sneakern zu sehen: Maria Kampouraki und ihr Mann Konstantin Mamalis sind Hamburg-Touristen aus Kreta. Die Akustik des Saals sei „excellent“ und das Konzert der Franzosen „amazing“, finden sie.

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