Frau Soltaus letzter Wunsch: Todkranke 78-Jährige träumte von Elphi-Besuch

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Wie viel Zeit ihr noch bleibt, weiß Irmela Soltau nicht. Der Tod könnte jeden Tag über die Türschwelle der 78-Jährigen treten. Aber einen Wunsch hatte die krebskranke Hamburgerin noch: Einmal in die Elbphilharmonie! Am Wochenende ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen.

Es soll ein ganz besonderer Abend werden. Irmela Soltau hat sich extra fein gemacht. Im schwarzen Anzug und mit weißer Bluse sitzt sie im Foyer des Hospizes Sinus in Barmbek und wartet auf den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes.

Seit Oktober bringt der blau-weiß-rote Krankentransporter Menschen, die nicht mehr lange zu leben haben, an ihre Sehnsuchtsorte. An den Ort ihrer Kindheit, an die Ostsee, ins Fußballstadion oder eben ins Konzerthaus.

Irmela Soltau hat sich die Elbphilharmonie ausgesucht. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Reinhard, genannt Reini, mit dem sie seit 43 Jahren verheiratet ist, will sie noch einmal richtig ausgehen. Auch er hat heute seinen besten Anzug an.

„Ich liebe klassische Musik“, sagt die pensionierte Lehrerin, die vor ihrem 30. Lebensjahr Solotänzerin und Ballettmeisterin war und bis heute Altflöte spielt. Trotz der Krankheit.

Knapp ein halbes Jahr ist es her, dass Irmela Soltau die Schock-Diagnose erhielt: Leberkrebs. Kurz nach Pfingsten war ihr Bauch merkwürdig angeschwollen. Als die Ärzte die 78-Jährige untersuchten, war es längst zu spät. Die Wucherungen in der Leber waren schon Metastasen. Der Primärtumor saß im Darm. Eine Operation machte keinen Sinn mehr. Soltau erhielt eine Chemotherapie. Doch die Nebenwirkungen waren zu stark.

„In meinem Mund war alles offen. Es tat furchtbar weh. Ich konnte nichts mehr essen und trinken“, sagt Soltau. Sie brach die Therapie ab und zog ins Hospiz – „um meinen Mann nicht mit der Pflege zu belasten“. Nun kommt Reini jeden Tag zu Besuch. „Jeder Tag, den wir noch zusammen haben, ist ein Geschenk“, sagt er.

Im Konzertsaal schließt Irmela Soltau die Augen

Der Wünschewagen ist da. Zwei Ehrenamtliche begrüßen Irmela Soltau und schieben sie im Rollstuhl zum Wagen. Drinnen ist eine blaue Liege zu sehen – für Menschen, die nicht mehr laufen können. Irmela Soltau kann noch selbstständig einsteigen. Ihr Mann stützt sie dabei.

Die Fahrt durch die Stadt verläuft problemlos. An der Elphi hält das Auto mit dem Aufdruck „Letzte Wünsche wagen“. Der Sicherheitsmann erlaubt den ASB-Frauen, den Wagen direkt vor der Tür zu parken.

Mit dem Fahrstuhl geht es hinauf ins Foyer. „Hallo Irmela“, ruft eine Frau. Eine Bekannte der Soltaus, die heute auch ein Konzert besucht. So ein Zufall! „Ich habe mich ja schon von allen verabschiedet“, sagt die Todgeweihte.

Im Konzertsaal schließt Irmela Soltau die Augen. Reini hält ihre Hand. Zum letzten Mal lauschen sie gemeinsam dem „Messias“ von Händel. Die Musik weckt bei Irmela viele Erinnerungen. Bilder aus ihrem Leben ziehen an ihrem inneren Auge vorbei. Die Zeit als Tänzerin. Die Studienzeit, als sie ihren Reini kennenlernte. Das Berufsleben als begeisterte Lehrerin. Der Sohn, als er noch klein war und als er älter wurde. Der Enkel.

„Es war ein sehr bewegendes Erlebnis“, sagt die 78-Jährige nach dem Besuch in der Elphi. „Mit Worten kann man das gar nicht beschreiben.“ Für die Soltaus ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Einer, der den Abschied von dieser Welt noch leichter macht. „Ich bin bereit, glücklich und zufrieden zu sterben“, sagt Irmela Soltau.

Nur einen einzigen kleinen Wunsch hat sie noch: „Es wäre schön, noch einmal Weihnachten zusammen zu feiern“, sagt sie und greift nach der Hand ihres Mannes.