Großes „Elphi“-Jubiläum: Auf der Erfolgs-Welle

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Zwölf Monate nach der Eröffnung der Elbphilharmonie boomt Hamburg wie nie zuvor. Touristen vom gesamten Erdball besuchen die Stadt, um das neue Wahrzeichen zu sehen. Fast vergessen scheinen die Zeiten, als vom „Fass ohne Boden“ die Rede war oder vom „Stein gewordenen Versagen Hamburger Politik“.

Inzwischen hat eine Mehrheit der Bürger ihren Frieden mit dem neuen Konzerthaus gemacht: Laut einer von der MOPO in Auftrag gegebenen Umfrage des mafo-Meinungsforschungsinstituts finden fast 60 Prozent gut, dass das Konzerthaus gebaut wurde – trotz der hohen Kosten.

Noch gar nicht so lange ist es her, dass die Elbphilharmonie neben dem Berliner Flughafen BER als größter Baustellenflop weltweit galt: Zehn Jahre lang zerriss sich die halbe Republik das Maul über Fehlplanungen und Eröffnungstermine, die laufend verschoben werden mussten. 77 Millionen Euro werde der Steuerzahler zu tragen haben, keinen Cent mehr, so hatte es der damalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) anfangs versprochen.

Dann explodierten die Kosten, betrugen am Ende 866 Millionen Euro. Mehr als zehn Mal so viel. Es gab viel Protest und Empörung in der Stadt.

Doch der Wind hat sich gedreht. Inzwischen spricht einiges dafür, dass das Gebäude die Kosten, die es verschlang, irgendwann wieder einspielen wird. Denn seit der Eröffnung des Konzerthauses hat Hamburg aufgeschlossen zu den großen Metropolen der Erde. Die Weltpresse überschlägt sich vor Begeisterung: Die „New York Times“ und „The Guardian“ widmeten der Stadt ausführliche Beiträge und erklärten sie zur einem der besten Reiseziele überhaupt. Und der Reiseführer „Lonely Planet“ hat Hamburg unter die zehn tollsten Städte der Welt aufgenommen. 

Die Elbphilarmonie als Touristen-Magnet

Dank der Elbphilharmonie steht Hamburg im Fokus wie keine zweite europäische Großstadt – und das hat zu einem gigantischen Anstieg bei den Besucherzahlen geführt. Rund 6,49 Millionen Übernachtungen verzeichneten die Hotels im ersten Halbjahr 2017. Das sind fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. 

Die Buchungen aus dem Ausland stiegen sogar um neun Prozent. Hamburg Tourismus-Chef Michael Otremba frohlockt: „Mit der Eröffnungskampagne ist es gelungen, eine enorme Aufmerksamkeit und positive Wahrnehmung zu erzielen. Es wurde weltweit sichtbar, dass Hamburg eine Stadt voller spannender Kontraste ist und über eine hohe Aufenthaltsqualität verfügt.“

Inzwischen beziffert Otremba den jährlichen Brutto-Umsatz mit Reisegästen auf 6,02 Milliarden Euro. Rund 100.000 Jobs in der Stadt hängen mittlerweile vom Fremdenverkehr ab. 

Bei aller Elphi-Euphorie – es gibt auch warnende Stimmen. Wie die von Professor Sebastian Zenker von der Copenhagen Business School. Er räumt zwar ein, Tourismus sei ein wichtiger Wirtschaftszweig, aber er mahnt zur Vorsicht. „Eine Stadt ist ein empfindliches Ökosystem, das in einer gewissen Balance lebt.“ Füge man an bestimmten Stellen zu viele Menschen hinzu, dann „kippe“ das System. „Wir würden ja auch nicht erlauben, dass im Yellowstone-Nationalpark auf einmal Millionen Touristen gleichzeitig herumlaufen.“

Touristen: Bereicherung oder Belastung für Hamburg?

Ähnlich sieht es Jochen Menzel vom Hamburger Zukunftsrat, der glaubt, dass zu viele Touristen eine Belastung für die Bürger darstellen und dass die Belastungsgrenze langsam erreicht sei.

„Die Olympia-Bewerbung hat doch gezeigt: Das, was die Eliten wollen, stimmt nicht immer mit dem Willen der Bürger überein – auch wenn es der Stadt viel Geld in die Kassen spülen mag. Zwar fließt einiges davon in Bildung und soziale Projekte. Aber lange nicht alle Hamburger bekommen etwas Positives vom Tourismus-Boom zu spüren. Sondern sie erleben, wie sie kaum noch mit dem Auto durch ihre Stadt kommen und wie sich der Müll nach Großveranstaltungen in der Stadt häuft.“

Auch die Umfrage zeigt, dass noch ein nennenswerter Teil der Bürger enttäuscht ist von den Entscheidungsträgern. Immer noch 40,3 Prozent finden, angesichts der immensen Kosten sei es ein Fehler gewesen, die Elbphilharmonie zu bauen. Am ehesten fällt den Befragten zur Philharmonie ein, dass sie Touristen anlockt.

Weit oben ist auch die Aussage: „Der Bau war Geldverschwendung“. Dass das Konzerthaus „ein Gebäude für jedermann“ ist, findet dagegen kaum jemand. Auch das Resümee, das Jochen Menzel zieht, ist eine Warnung an die Politik. Sie müsse aufpassen, findet er. „Die Hamburger haben ein Recht darauf, dass die Stadt auch ihre bleibt.“