Hamburgs kleinstes Hotel : Unvergleichlich: Eine Nacht im umgebauten Hafenkran

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Eine Steuerkanzel acht Meter über dem Wasser, Blick auf die Elbphilharmonie und ein Bett, das buchstäblich auf den Wellen schaukelt: Das alles wird einem in Hamburgs wohl außergewöhnlichstem Hotel geboten. Es handelt sich hierbei um einen alten Hafenkran im Herzen der HafenCity, der zu einem Micro-Hotel umgebaut wurde. MOPO-Reporterin Laura-Marie Reiners hat eine Nacht im maritimen Hideaway verbracht – und wollte es gar nicht mehr verlassen.

Da steht er nun vor mir: Auf einer Schwimmplattform am Sandtorkai, umgeben von glitzerndem Wasser, ragt der Hafenkran „Greif“ zwischen einer Reihe von Booten hervor. Es ist 14 Uhr, Zeit zum Einchecken. Es ist mir schwer gefallen, auf dem Weg an der rund 50 Meter entfernten Fischbrötchen-Bude vorbeizulaufen, aber mein Magen muss sich wohl noch etwas gedulden. Freundlich werde ich von der Hausdame empfangen. Das Tau am Eingang wird ausgehakt, es geht Stück für Stück die Stufen der schmalen Stahltreppe hinauf, vorbei an der kleinen Terrasse mit Blick auf die Elbphilharmonie.

Urlaubsgefühl mitten in Hamburg

Beim ersten Betreten ist der Kran zunächst kleiner als erwartet, doch jeder Zentimeter ist gut durchdacht: Im unteren Bereich befindet sich eine Kombüse mit zwei Stühlen, eine Mini-Bar, ein kleiner Holztresen mit Waschbecken und eine Kaffeemaschine. Im ehemaligen Motorraum versteckt sich eine große Regendusche hinter einer schicken schwarzen Glastür.

Der Hafenkran ist kein Fünf-Sterne-Hotel, es gibt weder Lobby noch Liftboy, und trotzdem zieht die Atmosphäre des Krans jeden Gast sofort in den Bann. Der moderne Raum mit industriellem Charakter verleiht Urlaubsfeeling mitten in Hamburg: Die blauen Wände erinnern an die Weiten des Meeres, in Kombination mit dem verbauten Holz taucht man in eine eigene Welt ab.

Trotz aller Freude über die Innenausstattung meldet sich der Hunger wieder. Ich beschließe, in den nächstgelegenen Supermarkt zu gehen und mir etwas zum Aufwärmen zu holen. Pizza vielleicht. Mein Blick schweift durch den Raum, doch vergebens suche ich nach einem Backofen oder einer Mikrowelle. Hm, dann wird es wohl doch das Fischbrötchen um die Ecke.

Ein Bett acht Meter über dem Wasserspiegel 

Gestärkt geht die Erkundungstour weiter: Über eine schmale Treppe geht es hinauf zum Schlafzimmer, das sich in der ehemaligen Steuerkanzel acht Meter über dem Wasserspiegel befindet.

Genächtigt wird in Seidenbettwäsche mit Blick auf die Elbphilharmonie.  Minuten, ja sogar Stunden kann man hier sitzen und aus dem Fenster schauen, es wird nie langweilig.

Ein Umbau mit Hürden 

Seit Mai 2018 empfängt der charmante „Greif“ schon seine Gäste. Vier Jahre zuvor bauten ihn Tim Wittenbecher und Marcel Nagel, Gründer der „Floatel GmbH“, um. Es ist das vierte Hideaway der Berliner Firma.

„Elf Monate hat der Umbau gedauert“, sagt Wittenbecher. Geplant waren eigentlich nur sechs, doch auf dem Weg vom Kran zum Mini-Hotel gab es einige Hürden zu überwinden: „Die Kranführerkabine war eigentlich viel kleiner, eine riesige Spindel lief da entlang, wo jetzt das Bett steht. Sie war damals als Gegengewicht zu den Lasten essenziell. Sie loszuwerden bedurfte der Berechnungen eines Schiffsbauingenieurs, der feststellen musste, ob das Ding ohne sie nicht umkippt.“ Des Weiteren musste darauf geachtet werden, dass das Hotel sich in das historische Umfeld gut einfügt, es durfte nicht zu auffällig gestaltet werden.

Kurioses Museum im Bauch des Schwimmkrans

Dabei war die Entdeckung des Hafenkrans nur ein Zufall: Im Jahr 2014 ist Hamburgs wohl verrücktestes Museum „Harrys Hamburger Hafenbasar“ vom Kiez in den alten Schwimmkran gezogen, noch bevor dieser überhaupt zum Hotel umgebaut werden sollte. „Dr. Gereon Boos, der den Hafenkran umgebaut und in den Sandtorhafen gelegt hat, um dort Harrys Hafenbasar unterzubringen, war ein alter Drachenboot Freund von Marcel und mir. Als er im Sterben lag und das Fortbestehen seines Herzensprojekts sichern wollte, hat ihn und uns ein gemeinsamer Freund auf die Idee gebracht, ein Hotelzimmer im Führerhaus unterzubringen“, erzählt Tim Wittenbecher.

Und so wurde das Seemanns-Museum im Bauch des Schwimmkrans, mit über 300.000 Gegenständen, darunter antike Masken, Statuen und Waffen, gerettet. Noch heute begrüßen die Figuren jeden Passanten des Schwimmkrans.

Weit weg vom Alltags-Stress

Am nächsten Morgen muss ich mir keine Gedanken mehr über das Essen machen: Die Hausdame bringt einen prall gefüllten Frühstückskorb vorbei – mit allem, was das Herz begehrt. Auf der Terrasse verspeise ich genüsslich Brötchen mit Lachs, Ei, Müsli, Obstsalat und Croissant mit Nuss-Nugat-Creme.

Die Fassade der Elbphilharmonie strahlt mit der Sonne um die Wette. Das Schiff „Elbe“ fährt vorbei. Nur ab und zu verirrt sich ein Tourist auf die noch ziemlich verlassene Schwimmplattform am Sandtorkai. Es ist ruhig und idyllisch – und ich vergesse fast, dass ich mich mitten in der Stadt befinde.

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