Hamburgs Soul-Man wird 60!: „Ich bin kein Typ für Sex, Drugs und Soul“

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Am Montag wird Stefan Gwildis 60 Jahre alt. Zu seinem Ehrentag hat sich der Hamburger selbst das größte Geschenk gemacht: ein „Best of“-Album und ein Konzert in der Elbphilharmonie mit den Kieler Philharmonikern. Der Weg in die Hochkultur-Stätten des Landes war weit: Seine Laufbahn begann Gwildis als Hafenarbeiter und Weihnachtsmann. Im Interview mit der MOPO am Sonntag erzählt der George-Clooney-Verschnitt außerdem von der Sehnsucht nach Normalität, Ohnmachtsanfällen und seltenen Joints.

MOPO am Sonntag:

Wie fühlen Sie sich denn jetzt in Anbetracht Ihres Ehrentages?

Stefan Gwildis: Die Sache mit dem Alter hatte für mich nie die Bedeutung. Ich habe mich mit 20 manchmal wie 80 gefühlt, weil ich total unglücklich war. Und jetzt werde ich 60, und es ist einfach eine schöne Phase und solch ein glücklicher Zustand gerade, weil ich mit tollen Leuten musiziere und gute Projekte mache.

In ein paar Jahren könnten Sie in Rente gehen …

Ich habe neulich mit einem Kollegen geschnackt, der 63 ist, der meinte: „Noch zwei Jahre, dann ist Rente.“ Und da habe ich nur gedacht: Wow, wie unterschiedlich man das sehen kann.“ Ich bin immer von einem Ding zum nächsten gehangelt, weil es interessant war. Das hat mich weitergebracht. Und darum geht’s für mich im Leben. An die Rente denke ich noch nicht. Auch deshalb nicht, weil ich neulich auf meinem Rentenbescheid gesehen habe, wie viel das sein wird. Das One-Track-Pony musst noch ordentlich weiterlaufen in der Manage. Was ich aber auch möchte. Scheiß auf Rente!

Wenn Sie an Ihre Karriere zurückdenken: Was war die Hochphase?

Eine war ganz bestimmt, als ich in den 70ern mit meinem Schulfreund Rolf Claussen ausprobiert habe, Straßenmusik zu machen. Wir haben uns mit Beatles- und Simon & Garfunkel-Liedern hingestellt – erst am Wandsbek Markt, später in der Mönckebergstraße und am Neuen Wall. Da lief es dann.

Das klingt nach einer bunten Zeit.

Absolut. Die 70er waren die Zeit der Clowns und Pantomimen mit Straßen- und Blitztheater. Das haben wir auch alles gemacht. Wir sind als Pärchen in die U-Bahn gestiegen und fingen an, uns zu streiten. Oder einer fiel in Ohnmacht und zwei Leute kamen mit einer Trage. Sofort waren Schaulustige da. Daraus konnten wir viel entwickeln, weil wir so gemerkt haben, was Leute interessiert. Wir hatten ab 1982 die Band Aprillfrisch-MäGäDäM-Schwarz, mit der wir auch Musicals im Schmidt-Theater entwickelten und spielten. Und später dann die Band Strombolis.

Wollten Sie nie das Handtuch schmeißen?

Doch. Ich hatte eine Phase in den 90ern, in der ich eine große Sehnsucht nach Normalität und einem stinknormalen Job verspürte. Ich komme aus einer Handwerker-Familie, wo du morgens aufstehst, irgendwo hingehst und abends nach Hause kommst, ein Bier trinkst und schlafen gehst. In den 90ern brauchte ich genau das. Ich machte mit meinem Bruder einen Reifenhandel an der Süderstraße auf. Ich war Geschäftsführer.

Wie haben Sie den Weg zurück auf die Bühne gefunden?

Nach sieben Jahren kam Christian von Richthofen zu mir und meinte: „Pass mal auf, du hast ein Geschenk in deinem Leben gekriegt, wenn du das nicht richtig auspackst, dann wirst du dir irgendwann mal in den Arsch beißen.“ Da kam ich richtig ins Schleudern. Er hatte ja recht, hatte genau den Stachel gesetzt. Ich bin mit aller Konsequenz raus aus dem Reifenhandel und versuchte, mich mit Alben durchzuschlagen. Die waren allerdings sehr erfolglos.

Ab 2003 starteten Sie dann aber als Solosänger durch.

Das hatte ich dem ehemaligen EMI-Plattenchef Heinz Canibol zu verdanken, der in Hamburg eine neue Plattenfirma gründete. Das Konzept war, auf respektvolle Art den Soul der Schwarzen mit deutschen Texten zu machen. Canibol sagte damals: „Wir behaupten einfach mal, du bist ,Der Soulsänger aus Hamburg‘.“ Es gibt Schlimmeres als diesen Titel, dachte ich.

Welchen denn: Als George Clooney aus Barmbek bezeichnet zu werden?

(lacht) Zum Beispiel. Obwohl wir beide viele Parallelen haben. George und ich trinken gerne Kaffee – den Kapselmist lehne ich allerdings ab. Neulich hatte ich ein amüsantes Erlebnis mit einer Dame auf Sylt, die sagte zu mir: „Ich weiß schon, wer Sie sind. Reinhard Gwildrich – ,Über den Wolken‘ ist wirklich ein super Song.“ So weit also zu meiner Popularität.

Standen die Frauen nicht Schlange bei Ihnen?

Ich habe da nicht so drauf geachtet. Ich war sehr früh in festen Händen und wollte das auch so.

Also kein Sex, Drugs & Soul?

Nein, überhaupt nicht. Ich war nie so ein Typ. Ein bisschen Rotwein darf es schon sein, aber Exzesse und Drogen waren nicht meins. Ich habe einmal auf einer Party gekokst, das hat mir nicht gefallen. Das finde ich genauso unattraktiv wie Kiffen. Ich rauchte einmal einen Joint und war im Anschluss im Gespräch mit der Kulturbehörde. Es ging um das dritte oder vierte Alstervergnügen und auch um Geld. Der Kultursenator saß vor mir, ich hing da mit dem Joint in der Birne und habe mich totgelacht. Ich musste wirklich rausgehen, um die Situation zu retten.

Album: Stefan Gwildis „Best of (Live und Philharmonisch)“ – Konzerte: Elbphilharmonie, 24.10., ausverkauft; Stadtpark, 26.5., 16 Uhr, 45 Euro

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