Karl Lagerfeld († 85): So tickte der exzentrischste Sohn Hamburgs

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Karl Lagerfeld ist tot. Er war ein Weltstar, einer der größten Exzentriker unserer Zeit. Und er war Hamburger, auch, wenn er sich selbst nicht so gesehen hat. Heimat, Heimweh, das sind Begriffe, die in seinem Kosmos nicht existierten. Sein Zuhause war die Mode, war die ganze Welt. Er wurde 85 Jahre alt. 

Auch wenn er selbst über sein Alter nicht gerne geredet hat und er es auch nicht mochte, wenn es andere taten, so steht nach Jahren der Verwirrung doch heute fest, dass er am 10. September 1933 in Winterhude auf die Welt kam. Seine vermögenden Eltern, vor allem seine Mutter, scheinen kaum weniger exzentrisch gewesen zu sein als er. „Ich habe doch keinen Dosenmilch-Fabrikanten geheiratet, um mir das Dekolleté mit Muttermilch zu verspritzen“, soll sie gesagt und es abgelehnt haben, den Sohn zu stillen. Der kleine Karl bekam stattdessen „Glücksklee“ aus der Firma seines Vaters.

Mutterliebe gab es nicht

Mütterliche Liebe hat Lagerfeld nicht kennengelernt. „Tolerant bis gleichgültig“ sei sie ihm gegenüber gewesen. Er beschreibt sie als eiskalt und egoistisch. „Sie war frech wie Straßendreck, konnte grausam sein, aber auch wahnsinnig amüsant und schlagfertig.“

1934 verließen die Lagerfelds Hamburg, zogen auf ihr Gut Bissenmoor nördlich der Stadt, wo der Junge behütet aufwuchs. Von Krieg und Bombenangriffen bekam er dort nichts mit: „Meine Eltern gaben mir das Gefühl totaler Sicherheit, mir konnte nichts passieren.“

Ein guter Schüler war Lagerfeld nicht. „Ich habe mich dauernd selbst krankgeschrieben, und sonst bin ich mit Schwadronieren durchgekommen.“ Statt dem Unterricht zu folgen, zeichnete er lieber Kleider.

Ein Außenseiter in der Schule

Lagerfeld war in der Schule ein Außenseiter, wurde aber nicht gehänselt, sondern respektiert. Sein Banknachbar, der spätere Uni-Professor Peter Bendixen, erinnert sich, dass Lagerfeld „keineswegs asozial oder abweisend“ gewesen sei, „nur auf Distanz“.

Auch wenn Mama Lagerfeld sonst wenig Interesse an ihrem Zögling hatte – als eine Wahrsagerin ihr prophezeite, dass Karl Priester werden würde, war sie alarmiert. Sie verhinderte jeglichen Kontakt ihres Sohnes zum Katholizismus und lenkte sein Leben in die kreative Richtung – mit Erfolg.

Als er 1952 Hamburg verließ und nach Paris zog, gab sie ihm einen guten Rat mit auf den Weg: „Du musst ein Mords-Ego haben, um hochzukommen. Denk erst an dich, dann an die anderen.“

Mit 22 Jahren wurde er entdeckt

Es begann eine beispiellose Karriere: 1954 gewann er im Alter von 22 einen Modewettbewerb. Sein Entdecker Pierre Balmain holte ihn in sein Designer-Team. Später wurde er künstlerischer Direktor bei Jean Patou, fing dann bei Chloé an, bevor er 1983 zu Chanel kam. Inzwischen hat er aus der Firma einen Multimilliarden-Dollar-Konzern gemacht.

Seine Brücken nach Hamburg hatte Lagerfeld längst abgebrochen: Seine Villa „Jako“ an der Elbchaussee verkaufte er 1998. Manchmal lästerte er: „Hamburg ist das Tor zur Welt, aber eben nur das Tor.“ Trotzdem war er immer wieder gerne hier. „Hamburg ist äußerst familiär“, sagte er mal. „Die Leute auf der Straße nennen mich hier Kalli, das finde ich lieb.“

Sein norddeutsches Idiom pflegte er bis zuletzt mit Leidenschaft. „Ich finde das herrlich“, sagte er einmal. „Es klingt immer noch so, wie ich als kleiner dummer Junge gesprochen habe.“

Nun ist Karl Lagerfeld für immer verstummt.

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