Konzerttempel: Darum hat die Elphi ein Akustik-Problem

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Ausgerechnet zum zweiten Geburtstag gab’s wieder Ärger für die Elphi. Startenor Jonas Kaufmann bemängelte nach seinem Auftritt die Akustik im Konzerttempel, zahlreiche Zuschauer verließen während des Konzerts erbost ihre Plätze. Hat der angebliche Weltklasse-Saal ein Akustik-Problem? Die MOPO hat Experten gefragt.

Was macht den Großen Saal so besonders?

Anders als die Laeiszhalle mit ihrem rechteckigen Grundriss – man nennt solche Säle deshalb „Schuhkarton“ – gleicht der Große Saal einem „Weinberg“ mit vielen Terrassen. Die Architektur hat einen direkten Einfluss auf den Klang. Star-Akustiker Yasuhisa Toyota, einer der bekanntesten Schall- und Raumtechniker der Welt, hat für die Elphi einen so genannten Direktschall-Saal geschaffen. Hier ist der Klang wie in einem Studio sehr präzise.

Was genau ist dann das Problem?

Technisch gesagt: „Es gibt weniger Raumklang und eine geringere Klangverschmelzung als in anderen anerkannten Konzertsälen“, so Karlheinz Müller, Akustik-Professor aus München. Diese Überdeutlichkeit bemängeln einige Kritiker: Dadurch dass der Saal den Klang zu wenig mischt und gleichmäßig verteilt, fehlt das Gefühl der akustischen Umhüllung, die man aus einem Schuhkarton-Saal kennt. „Mit seiner speziellen Akustik ist der Große Saal insbesondere für Solisten schwer zu bespielen.“ Auch wegen der Lage des Podiums mitten im Raum, auf dem Solisten ganz vorne stehen. „Dadurch ist die Klangentwicklung nach vorne gut, seitlich und nach hinten jedoch sehr schwierig“, sagt Müller. Wie jetzt bei Kaufmann.

Heißt das, dass die Zuschauer doch nicht – wie immer wieder behauptet – auf allen Plätzen gleich gut hören?

Genau das. „In einem Weinberg-Saal mit vielen Balkonen wird der Schall im Gegensatz zu einem Rechteckraum sehr ungleichmäßig verteilt“, erklärt Uwe Stephenson, Professor für Raumakustik an der HafenCity Universität.

„Die Hörqualität ist auf unterschiedlichen Plätzen demnach sehr verschieden.“ Wer hinter dem Sänger sitzt, hört ihn undeutlich, „weil er die Konsonanten nicht unterscheiden kann. Denn die bestehen aus hohen Frequenzen, die kaum nach hinten abgestrahlt werden“.

Hätte man das nicht wissen müssen?

Es gab sogar Messungen im 1:10-Modell mit Filzpuppen. Aber wie der Raum dann tatsächlich mit 2000 Besuchern und Orchester klingt, lässt sich damit nicht vorhersagen. Müllers Vergleich: „Wenn Sie ein Röntgenbild von einem Gemälde von Leonardo da Vinci erstellen und das jemandem zeigen, können Sie auf dieser Grundlage auch nicht sagen, wie schön das Bild ist. Akustische Modellmessungen sind so eine Art Röntgenbild: Für den Akustiker können sie wichtig sein, aber sie erfassen nicht den wahren klanglichen Charakter eines Saales.“

Wie können die Probleme jetzt gelöst werden?

Da gibt es mehrere Ansätze. Man könnte etwa die Plätze hinter und teilweise seitlich des Podiums nicht mehr verkaufen – oder das Publikum vor dem Kartenkauf darüber aktiv aufklären, rät Stephenson. Vor allem bei gewissen Solisten-Konzerten wäre das sinnvoll. Im Konzerthaus „Musiikkitalo“ im finnischen Helsinki, dessen Saal ebenfalls von Toyota eingerichtet wurde, kennt man ähnliche Probleme wie in der Elbphilharmonie. Die Lösung dort: Sänger und Musiker werden bei bestimmten Aufführungen durch Mikrofone verstärkt, um den Saal gleichmäßig zu beschallen.

Und wo sind nun die besten Plätze?

Das ist schwierig zu sagen, denn es hängt nicht zuletzt auch von persönlichen Präferenzen ab. „Wenn ich mir eine Karte für ein Solisten-Konzert kaufen würde, dann für einen Platz gegenüber dem Podium. Nicht im Parkett, sondern etwas erhöht“, sagt Karlheinz Müller.

Hat die alte Laeiszhalle am Ende den akustisch besseren Saal?

„Es gibt keine ,gute‘ Akustik, es gibt nur für bestimmte Zwecke günstige Verhältnisse“, sagt Uwe Stephenson. „Die Laeiszhalle aber wird für viele Konzertgänger akustisch immer besser bleiben.“

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