Legende, Dandy, Kraftpaket:: Volker Schimkus – Der Vollgas-Reporter der MOPO

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Ich habe mal 60 Plastik-Hundehaufen in Krankenhäusern versteckt, um zu testen, wie es um die Hygiene bestellt ist. Daraufhin haben Reinigungsfirmen die Kündigung bekommen … Als die Elbphilharmonie schon wieder mal teurer wurde, habe ich mit einem rosa Sparschwein für sie gesammelt – mit dem Ergebnis, dass mir zwei ältere Damen Prügel androhten. 11,70 Euro waren am Ende übrigens im Hut. Und dann bin ich bei einem Undercover-Einsatz auch noch in die Rolle eines Obdachlosen geschlüpft und verbrachte eine Nacht im berüchtigten Pik As.

Dies war übrigens eine der ganz seltenen Gelegenheiten, in denen ich meine typische Berufsbekleidung ablegte: Normalerweise trage ich nämlich Anzug, meist knallgrün, himmelblau oder grau-rot-gestreift. Und dazu immer eine Krawatte. Ohne geht nicht. Genauso selbstverständlich ist es für mich, dass ich jeder Frau einen Handkuss gebe. Das ist alte Schule.

Ich bin bei der MOPO der Mann fürs Schrille, fürs Besondere und Abgefahrene. Ich tummle mich in der Stadt und entdecke Geschichten. Ich habe sogar schon mit Donald Trump einen Stadtbummel gemacht. Natürlich nicht dem echten, sondern einem lebensgroßen „Doppelgänger“ aus Pappe, den ich unter den Arm geklemmt und dann den Leuten hingehalten habe: Dann konnten sie der Knalltüte mal die Meinung geigen.

Für Fotografie begeistere ich mich schon seit meiner Jugend. Im Studium der Visuellen Kommunikation an der Gesamthochschule Kassel habe ich die Großbildfotografie und Fotoaktionskunst für mich entdeckt, was mir auch heute noch in meinem Reporterleben eine große Hilfe ist. Bei Umfragen, Tests und Ausstellungen nutze ich gerne lebensgroße Fotoelemente.

Ich bin MOPO-Urgestein. Schon seit Herbst 1995 bin ich hier als Foto-Reporter beschäftigt. Ich liebe diese Zeitung. Ich liebe noch mehr meinen Beruf. Er ist mein Leben. Ich tue (fast) alles für eine gute Geschichte oder für ein gutes Foto. Wenn mich eine Geschichte gepackt hat, ist mein Enthusiasmus manchmal so groß, dass Kollegen mich bremsen müssen. Es gab Zeiten, da hat mein Chef mir Hausverbot erteilt und mich dazu verdonnert, mich wenigstens im Urlaub mal zu erholen. Wenn mich Geschichten wirklich fesseln, passt mir Freizeit einfach nicht ins Konzept.

Ich bin ein großer Fan von Teamarbeit. Ich gehe mit jedem Kollegen gerne los, um Geschichten zu machen. Und wenn einer mal nicht von einem Thema begeistert ist, sehe ich zu, ihn mitzureißen. Denn nur wer an den Erfolg glaubt, hat auch welchen.

Außergewöhnlich war der Einsatz beim G8-Gipfel in Heiligendamm, wo ich gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Olaf Wunder die Demonstranten begleitet habe – wir waren sozusagen „embedded“. Und nicht ganz ohne war auch die kälteste Nacht 2018, die ich mit dem Kollegen Kristian Meyer im Freien verbracht habe, um mal zu spüren, was es heißt, im Winter kein Dach über dem Kopf zu haben.

Ich gucke gerne durch Schlüssellöcher.

Und ich darf das sogar beruflich tun. 2010 startete ich die Serie „So wohnt Hamburg – Das Hamburger Wohnzimmer“. Jeden Montag zeigten Hamburger den Lesern ihre gute Stube. Die besten Bilder waren zum Abschluss im Kaufmannshaus in einer Ausstellung zu sehen.

Die längste und sicher auch beste Serie: Mister X, die ich mit Olaf Wunder machen durfte. Zehn Jahre deckten wir Woche für Woche auf, wo Verbraucher abgezockt werden. Ein bisschen ging’s zu wie im Krimi damals: Tagelang haben wir Bösewichte observiert, haben in Betrugsfirmen Maulwürfe eingeschleust und am Ende die Gauner knallhart mit ihren Taten konfrontiert. 2001 erhielten wir den Deutschen Lokaljournalistenpreis für diese Arbeit.

Zu den Höhepunkten in meinem Reporterleben zählt die „MOPO-Expedition“: Bei der ersten Runde wanderten wir an Hamburgs Außengrenze entlang. Dreizehn Tage. 216 Kilometer. Und das Ganze mit zehn Euro Taschengeld. Das war großartig. Via Facebook und Twitter luden uns Menschen zu sich ein. Wir stießen auf Geschichten, von denen wir sonst nie erfahren hätten, und lernten tolle Leute kennen.

Noch besser hat mir die zweite Exkursion gefallen, als wir mit dem Kanu die Alster von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe erkundet haben. Das war grandios. Wieder wurden wir von Anrainern sehr freundlich empfangen. Freundschaften sind entstanden.

Sie merken schon: Ich komme ein bisschen ins Schwärmen, denn eines habe ich immer wieder festgestellt: Ein guter Kontakt zu den Lesern ist das Wichtigste überhaupt. Tolle Gespräche haben wir geführt über einfach alles: Eifersucht, Steuerbetrug, Fremdgehen, Sex im Alter, Armut, Einsamkeit und Liebe. Das Vertrauen, das ich da geschenkt bekommen habe, rührt mich immer wieder.

Im März kommenden Jahres werde ich 65 Jahre. Offiziell bin ich dann Rentner. Aber nur offiziell. Natürlich mache ich weiter, denn ich bin immer noch neugierig auf neue Geschichten. Für mich ist mein Beruf der beste der Welt.

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