Lieblingsstadtteile: Meine Liebeserklärung an die Veddel

Veröffentlicht

Wenn mich jemand fragt, wo ich wohne, dann muss ich sofort schmunzeln – weil ich weiß, was gleich kommt. Die Leute erwarten, dass ich einen von diesen Stadtteilen nenne, in denen man eben so wohnt. Eppendorf, Winterhude, Ottensen, Eimsbüttel. Wenn ich dann antworte: „Ich wohne auf der Veddel“, ist das Erstaunen groß.

Manche fragen angewidert: „Wo, bitte? Echt? Auf der V e d d e l?“ Andere wollen höflich sein und behalten ihre Gedanken lieber für sich.

Die Veddel ist meine Heimat geworden. Ich freu mich, wenn ich abends über die Elbbrücken fahre, dann rechts abbiege und eigentlich immer auf Anhieb einen Parkplatz in der Nähe meiner Wohnung finde. Ich mag die ältere Dame aus dem zweiten OG, die im Fenster hängt und raucht und mir zuwinkt, wenn ich das Haus betrete.

Und morgens auf dem Weg zum Bäcker komme ich an jener Hausfassade vorbei, die vergangenes Jahr so viele Schlagzeilen gemacht hat: Weil Boran Burchhardt, der zwei Jahre Quartierskünstler auf der Veddel war, sie von oben bis unten mit Blattgold belegt hat. Ich mag das Goldene Haus. Wenn die Sonne scheint, strahlt die ganze Veddeler Brückenstraße, als hätte jemand die Flutlichtanlage angeschaltet.

Keine Frage, es gibt schönere Stadtteile als die Veddel. Eingequetscht zwischen Autobahn, Industriegebiet, Hafen und Elbe liegt der Stadtteil ein bisschen verloren da. Und doch ist er zentral: Sechs S-Bahn-Minuten sind es bis zum Hauptbahnhof. Außerdem ist die neue HafenCity nicht mal einen Steinwurf entfernt. Ich kann aus meinem Fenster die Elbphilharmonie sehen – na ja, fast.

Was haben wir noch? Das Ballinstadt-Museum steht genau da, wo vor 100 Jahren Europas Auswanderer auf ihr Schiff in die Neue Welt warteten. Und unsere allergrößte Attraktion ist das traditionsreichste Fischlokal der Stadt: die „Veddeler Fischbratküche“. Das Essen: klasse. Die Einrichtung: gediegen und von vorgestern. Das Personal: nun, manchmal ein wenig rau und deutlich in der Wortwahl. Gehen Sie mal mittags hin und nehmen Platz, ohne das Okay der Serviererin abgewartet zu haben, und Sie wissen, was ich meine…

So wie das Fischlokal ist die ganze Insel: einfach, ehrlich, gerade heraus und kein Stück etepetete. Nein, von Hamburgs Millionären hat sich auf der Veddel noch keiner angesiedelt. Eher im Gegenteil: Wohl nirgendwo in Hamburg ist der Anteil der ALG-II-Bezieher höher. Und multikulti ist der Stadtteil auch wie kein zweiter.

Aber das Schöne daran: Das Zusammenleben klappt. Dafür liebe ich die Veddel.