Modezar Karl Lagerfeld: So tickt der schrägste Sohn der Stadt

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Er ist der letzte lebende Weltstar aus Hamburg, einer der größten Exzentriker unserer Zeit: Karl Lagerfeld. Dass er Mittwoch mal wieder in Hamburg weilt, wo er vor 84 Jahren zur Welt kam, hat nichts, aber auch gar nichts mit „Heimweh“ zu tun. So ein Wort existiert nämlich nicht im Lagerfeld’schen Sprachuniversum. Grund für seine Stippvisite ist das, worum sich für ihn alles dreht: die Mode. „König Karl“ lädt zur großen Chanel-Show in die Elbphilharmonie.

Mit einem rund 300 Mann starken Tross ist der Modezar angereist, stieg gestern im Westin-Hotel in der Elphi ab. Mit im Gepäck: zwei Säcke Streu für seine geliebte Katze „Choupette“, die er schon mal in einem Kalender verewigt hat.

Auch wenn er selbst über sein Alter nicht redet und es auch nicht mag, wenn es andere tun, so steht nach Jahren der Verwirrung inzwischen fest, dass er am 10. September 1933 in Winterhude auf die Welt kam. Seine vermögenden Eltern, vor allem seine Mutter, scheinen kaum weniger exzentrisch gewesen zu sein als er. „Ich habe doch keinen Dosenmilch-Fabrikanten geheiratet, um mir das Dekolleté mit Muttermilch zu verspritzen“, soll sie gesagt und es abgelehnt haben, den Sohn zu stillen. Der kleine Karl bekam stattdessen „Glücksklee“ aus der Firma seines Vaters.

Mütterliche Liebe hat Lagerfeld nicht kennengelernt. „Tolerant bis gleichgültig“ sei sie ihm gegenüber gewesen. Er beschreibt sie als eiskalt und egoistisch. „Sie war frech wie Straßendreck, konnte grausam sein, aber auch wahnsinnig amüsant und schlagfertig.“

1934 verließen die Lagerfelds Hamburg, zogen auf ihr Gut Bissenmoor nördlich der Stadt, wo der Junge behütet aufwuchs. Von Krieg und Bombenangriffen bekam er dort nichts mit: „Meine Eltern gaben mir das Gefühl totaler Sicherheit, mir konnte nichts passieren.“

Ein guter Schüler war Lagerfeld nicht. „Ich habe mich dauernd selbst krankgeschrieben, und sonst bin ich mit Schwadronieren durchgekommen.“ Statt dem Unterricht zu folgen, zeichnete er lieber Kleider.

Lagerfeld war in der Schule ein Außenseiter, wurde aber nicht gehänselt, sondern respektiert. Sein Banknachbar, der spätere Uni-Professor Peter Bendixen, erinnert sich, dass Lagerfeld „keineswegs asozial oder abweisend“ gewesen sei, „nur auf Distanz“.

Auch wenn Mama Lagerfeld sonst wenig Interesse an ihrem Zögling hatte – als eine Wahrsagerin ihr prophezeite, dass Karl Priester werden würde, war sie alarmiert. Sie verhinderte jeglichen Kontakt ihres Sohnes zum Katholizismus und lenkte sein Leben in die kreative Richtung – mit Erfolg.

Als er 1952 Hamburg verließ und nach Paris zog, gab sie ihm einen guten Rat mit auf den Weg: „Du musst ein Mords-Ego haben, um hochzukommen. Denk erst an dich, dann an die anderen.“

Es begann eine beispiellose Karriere: 1954 gewann er im Alter von 22 einen Modewettbewerb. Sein Entdecker Pierre Balmain holte ihn in sein Designer-Team. Später wurde er künstlerischer Direktor bei Jean Patou, fing dann bei Chloé an, bevor er 1983 zu Chanel kam. Inzwischen hat er aus der Firma einen Multimilliarden-Dollar-Konzern gemacht.

Seine Brücken nach Hamburg hat Lagerfeld längst abgebrochen: Seine Villa „Jako“ an der Elbchaussee verkaufte er 1998. Manchmal lästert er: „Hamburg ist das Tor zur Welt, aber eben nur das Tor.“ Trotzdem ist er immer wieder gerne hier. „Hamburg ist äußerst familiär“, sagte er mal. „Die Leute auf der Straße nennen mich hier Kalli, das finde ich lieb.“

Sein norddeutsches Idiom pflegt er bis heute mit Leidenschaft. „Ich finde das herrlich“, sagt er. „Es klingt immer noch so, wie ich als kleiner dummer Junge gesprochen habe.“

Seine größten Macken

Weißes Mozartzöpfchen, große Sonnenbrille und schwarze Klamotten sind seine Markenzeichen und machten Karl Lagerfeld berühmt. Lagerfeld-Biograf Paul Sahner zählt die zehn größten Macken des exzentrischen Hamburgers auf:

Rauschmittel: Lagerfeld ist naturhigh. Seine einzige Droge ist das Publikum. Das braucht er, um zu provozieren.

Narziss: Er ist von unglaublicher Selbstverliebtheit, berauscht sich an sich selbst, sieht sich als Gesamtkunstwerk. Aber niemals würde er sich klonen lassen – noch so ein Lagerfeld wäre ihm unsympathisch.

Frühaufsteher: Er steht täglich um fünf Uhr morgens auf, macht Gymnastik, ackert spätestens ab acht – ein Arbeitstier.

Wochenende: Da kauft er die neuesten Zeitschriften und Bücher (besitzt etwa 400.000 Stück) verkriecht sich, liest und hat umfassendes Allgemeinwissen.

Sauberkeit: Täglich wechselt er seine Bettwäsche und zieht ein frisches Nachthemd an – er will keine alte Schlampe sein.

Diät: Bei einer Crash-Kur nahm er über 40 Kilo in kurzer Zeit ab. Seine alten Klamotten vergrub er in Biarritz, wo er ein Schloss besitzt. Er wollte keinesfalls mehr an seine Zeit als Dicker erinnert werden.

Einzelgänger: Zwar hat er Personal und eine Vielzahl von Leuten um sich, bleibt aber am liebsten allein. Nur eine Handvoll Menschen dürfen ihn duzen.

Nähe: Ist ihm zuwider, und er hasst es, mit einem Menschen in einem Bett zu übernachten. Grund: Er will nicht sehen, wie der andere morgens aussieht, und der soll auch nicht sehen, wie Karl aussieht. Deshalb besitzt er nur schmale Betten zwischen 1,20 und 1,40 Meter Breite.

Alter: Er ist 84 Jahre alt, macht aber ein großes Geheimnis daraus. Lagerfeld empfindet sich als jünger und beharrt auf einem Alter von 70.

Tod: Er hat Angst vor dem Dahinsiechen. Selbstmord empfindet er wenigstens als freie Wahl: Elegant wäre für ihn, mit einem dicken Stein am Hals von einem Schiff zu springen.