MOPO stellt sich vor: Mit mir geht’s auf Zeitreise

Veröffentlicht

Es gibt einen Moment, an den ich oft denke: Das war der Tag, an dem die siebte Ausgabe unseres historischen Magazins „Unser Hamburg“ erschien. Auf dem Cover ein gut 100 Jahre altes Foto von Menschen aus Hammerbrook, das das Stadtteilarchiv Hamm uns zur Verfügung gestellt hatte. Niemals hätten wir es für möglich gehalten, dass noch jemand weiß, wer die Menschen darauf sind. Doch dann klingelte das Telefon. Am anderen Ende ein weinender Mann.

„Ich habe gerade Ihr Heft in der Hand“, sagte der 95-jährige Alfred Meller schluchzend. Er brauchte einen Moment, bis er die Sprache wiederfand. „Meine Mutter, mein Onkel und meine Großeltern sind da auf dem Titelbild zu sehen. Woher, bitte, haben Sie dieses Foto?“

Schon eine halbe Stunde später besuchte ich ihn in seinem Altersheim in Harburg und dann erzählte er von seiner Jugend in Hammerbrook und davon, wie alles unterging. Damals, vor inzwischen 75 Jahren.

Ich bin bei der MOPO der Mann für das Historische. Seit sechs Jahren betreue ich – gemeinsam mit den Kollegen Thomas Hirschbiegel und Buttje Rosenfeld – die Serie „Der Tag, an dem …“. Ein Buch mit den besten Storys ist im Buchhandel erhältlich. Außerdem bringen wir zwei Mal im Jahr das Magazin „Unser Hamburg“ heraus. Ein Podcast, bei dem sich die Leser einfach zurücklehnen und sich von mir die Texte vorlesen lassen können, ist in Vorbereitung.

Ich bin ein Detektiv der Vergangenheit und das im Grunde schon seit meiner Jugend. Zwischen 1977 und 1983 beteiligte ich mich regelmäßig an den Schülerwettbewerben Deutsche Geschichte der Kurt A. Körber Stiftung, verbrachte schon als 15-, 16-Jähriger einen Großteil meiner Freizeit in Archiven oder damit, Zeitzeugen zu interviewen. So erforschte ich die NS-Zeit meiner Heimatstadt Remscheid (Nordrhein-Westfalen). Später habe ich dann Geschichte in Bonn studiert, nicht ahnend, dass ich viele Jahre später zum Hamburg-Historiker werden würde. Ausgerechnet ich, der Quiddje!

Viele große Persönlichkeiten haben Hamburgs Geschichte geprägt: von Klaus Störtebeker bis Max Brauer. Für mich aber ist er der allergrößte: William Lindley. Der britische Ingenieur hat sich um diese Stadt so verdient gemacht wie kein anderer: Er hat die Eisenbahn gebaut, das Wasserklosett eingeführt, vor allem aber schuf er die erste Kanalisation Kontinental-Europas.

Meinen Wunsch, einmal in Hamburgs Unterwelt abtauchen und mir Lindleys Siele mit eigenen Augen ansehen zu dürfen, hat Hamburg Wasser mir kürzlich erfüllt: Es stank nach Urin und Fäkalien. Ratten liefen herum.

Ich fand’s trotzdem toll, hatte das Gefühl, Lindley nahe zu sein. Im jüngsten „Unser Hamburg“, dem Band 9, der derzeit im Handel erhältlich ist, erzähle ich davon. Und ein Porträt dieses genialen Mannes, den ich gerne interviewt hätte, findet sich darin ebenfalls.

Neben meinem Büro in der Redaktion, das überquillt vor Hamburg-Literatur – mehrere Hundert Bände stapeln sich auf Regalen und der Fensterbank – ist die Plankammer des Hamburger Staatsarchivs mein wichtigster Arbeitsplatz: Während der Recherchephasen verbringe ich dort manche Tage, schaue alte Fotos durch, studiere Dokumente. An dieser Stelle möchte ich mal Danke sagen: an die Archivare Joachim Frank, Carsten Heine und Volker Reißmann, die mir immer mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Meist sind es Leser, die mich auf die Themen bringen. Letzte Woche aber war es ein Kollege. Er legte mir ein interessantes Bild auf den Tisch: eine Lithografie mit einer Hamburg-Ansicht aus der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts. Wo heute der Hauptbahnhof steht, gab es da noch Wohnhäuser mit Gärten, in denen Kleidung zum Trocknen an Leinen baumelt. Zu sehen ist der erste Bahnhof Hamburgs, der sich an der Stelle befand, an der die Deichtorhallen stehen. Und wo sich heute das Saturn-Parkhaus befindet, gab es die älteste Wasch- und Badeanstalt des Kontinents – ein runder Bau mit einem Schornstein, der hoch in den Himmel ragte.

Mir wurde schnell klar, wo der Künstler gestanden hat, als er diese Ansicht Hamburgs erstellte: auf dem Turm der Heiligen Dreieinigkeitskirche in St. Georg! Natürlich hatte ich sofort das dringende Bedürfnis, ebenfalls da hochzuklettern, um zu sehen, wie Hamburg aus derselben Perspektive heute aussieht. Der Aufstieg war dann halsbrecherischer, als ich es erwartet hatte. Ganz oben gibt es keine Treppen mehr. Das letzte Stück führen Leitern rauf. Ganz schön wackelig! Nur nicht runtergucken!

Ein bisschen mulmig ist mir unterwegs schon gewesen, aber am Ziel angekommen strahlten meine Augen. Ich zog den Ausdruck der alten Lithografie aus der Jacke, verglich früher und heute und machte Fotos. Danach ließ ich meinen Blick schweifen über die ganze Stadt. Meine Augen blieben hängen an der Elbphilharmonie, die ich aus dieser Perspektive ja noch nie sehen durfte. Mir schoss durch den Kopf: „Wahnsinn, was habe ich für einen tollen Job!“

Zwei Mal jährlich erscheint das Magazin „Unser Hamburg“, Hier erhältlich: www.mopo-shop.de, 5,95 Euro

Powered by WPeMatico