Musik-Legende wieder topfit: Er trägt das Feuer Brasiliens in die Elphi

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Geradezu leichtfüßig betritt Gilberto Gil (77) die Bühne im Großen Saal der Elbphilharmonie. Vor zwei Jahren litt der legendäre Musiker und ehemalige Kulturminister Brasiliens an einer schweren Krankheit. „Ok Ok Ok“, sein nunmehr 54. Album, ist deshalb Triumph und Entwarnung zugleich.

Sitzend mit Akustikgitarre und eingerahmt von seiner siebenköpfigen Band sowie Tochter Nara als Backgroundsängerin legt er mit dem Titelsong los. Diese Kritik an sozialen Medien wird gefolgt von dem Stück „Quatro pedacinhos“, das er über seine Ärztin geschrieben hat, die vier Proben an seinem Herzen entnahm. Das Lied klingt dank der Bossa-Nova-Anleihen so gar nicht nach Doktor-Besuch, sondern eher nach gechilltem Abhängen unter der brasilianischen Sonne.

Der Meister feiert jedoch nicht nur das Leben, er gedenkt auch der Toten: Dem vor einem Monat verstorbenen Bossa-Nova-Erfinder João Gilberto (†88) widmet er allein im Lichtkegel eine Akustikballade über die Endlichkeit des Seins. Sein Namensvetter hätte ihn mit seiner stillen, friedvollen Art in erster Linie spirituell beeinflusst, so Gil: „Er war ein Yogi, da habe ich es auch versucht“, fährt er fort und erntet Lacher.

Die Rhythmen werden in der zweiten Konzerthälfte deutlich feuriger, die Bläser temperamentvoller, Gil tauscht die Klampfe gegen eine E-Gitarre aus und tanzt ausgelassen. Die hinteren Blockreihen hält es schon lange nicht mehr in den Sitzen – es wird getanzt!

Mit seiner zehnjährigen Enkelin singt Gil ein Reggae-Duett – das ist Lebensfreude pur. Über den rechtsextremen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der für Regenwald-Rodung, Beschneidung von Minderheitenrechten und die Auflösung des Kulturministeriums verantwortlich ist, verliert der ehemalige Grünen-Politiker kein Wort. Schade! Aber es ist wohl eher die Kraft der Rhythmen und der Poesie, mit der Gil in den Protestmarsch zieht.

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