Schauspiel-Star Ulrich Tukur: „Das Niveau sinkt immer weiter – faszinierend“

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Ulrich Tukur erobert die Elbphilharmonie! Im Dezember gab er zusammen mit seinen Rhythmus Boys gleich zwei Konzerte, am heutigen Freitag gibt’s eine Zusatzshow – und auch am Donnerstag trat er dort auf: Bei „St. Pauli-Theater Meets Elbphilharmonie“. Die MOPO hat sich mit dem 61-Jährigen unterhalten.

MOPO: Ihr Programm heißt „Grüß’ mir den Mond“ – sind Sie gern in Mondnächten unterwegs?
Ulrich Tukur: Ich bin überhaupt gern in den Nächten unterwegs (lacht). Das Mondthema habe ich allerdings ausgewählt, weil es einen großartigen Fundus an Gedichten und Liedern bereithält: Die Nacht hat schon immer eine ganz große Rolle in der Fantasie der Menschen gespielt, denn unsere tiefen Sehnsüchte und wahren Ängste sind im Dunkeln verankert, da werden sie verhandelt und besungen.

Wie jetzt in der Elbphilharmonie. Man kennt Sie aber ja auch als „Tatort“-Kommissar. Setzen Sie als Felix Murot gern einen Kontrapunkt zum Serien-Allerlei?
Ja. Zumal ich finde, dass die Öffentlich-Rechtlichen den verdammten Auftrag haben, die Latte höher zu legen – man muss den Leuten nicht immer diese pürierte Kost geben, sondern sie auch mal kauen lassen. Und so schmeiße ich mich hin und wieder ins kalte Wasser, ohne zu wissen, ob ich auch wirklich schwimmen kann.

Dafür braucht es dann aber einen gewissen Mut.
Aber das ist doch der Witz des Lebens! Du musst dich auch mal überfordern, um über dich hinauszuwachsen oder wenigstens ein bisschen größer zu werden, als du zu sein glaubst.

Schalten Sie den Fernseher denn noch ein? Dort gibt es inzwischen ja fast nur noch pürierte Kost.
Das Niveau, von dem man glaubte, es könne nicht mehr unterschritten werden, sinkt trotzdem immer weiter – das ist schon faszinierend. Hat sich unsere Gesellschaft nach 60 Jahren Wohlleben schon so aufgegeben?

Woher rührt dieses Aufgeben in Teilen der Gesellschaft?
Wir haben nach dem Zweiten Weltkrieg in den Industrieländern etwas erreicht, das in der Vergangenheit unvorstellbar war. Wir sind reich geworden und leben relativ abgesichert. Allerdings ist das schon vor zwei Generationen geschehen, und es ist die Aufgabe der jetzt lebenden und verantwortlichen Generation, ein Erbe zu verwalten, das sie selbst nicht erkämpft hat. Und in der angenommenen Selbstverständlichkeit der Strukturen verliert man schnell das Gefühl für ihre Zerbrechlichkeit. Man verbindet nicht mehr so viel damit und beginnt nachlässig zu werden. Das ist und war immer der Anfang vom Ende.

Inwiefern?
Es beginnt eine unbewusste und auch bewusste Aushöhlung und Zerstörung dessen, was man hat und ist. Und die beschleunigt sich, je weniger der Mensch seinen Platz in einer Gesellschaft findet, die sich nur noch um Geld und Profit dreht und jedes Ethos über Bord geworfen hat. Das fängt mit kleinen Dingen an wie der Vandalisierung öffentlichen Eigentums und der Versehrung des eigenen Körpers durch Metallteile und exzessive Tätowierungen: kurios verdrehte Hilfeschreie, Rufe nach Halt, nach Sinn, nach einem Koordinatensystem, in dem man sich wieder verorten kann.

Klingt ziemlich pessimistisch …?
… und ist doch eigentlich schon immer so gewesen. Da kann man bis zu Platon gehen, der sagt: Es fängt mit der Aristokratie an, dann kommt die Oligarchie, dann die Demokratie, die schließlich an sich selbst erstickt und in die Tyrannis kippt – und dann geht das Spiel wieder von vorne los …

Wir sind also auf dem Weg in die Tyrannei?
Ich halte es zumindest für wahrscheinlich, dass wir in 20, 30 Jahren eine Tyrannei haben.

Der derzeitige Rechtsruck in Europa wäre dann also ein Vorbote?
Wenn sich der schleichende Niedergang unserer Demokratien nicht mehr umdrehen lässt, werden die sogenannten populistischen Bewegungen früher oder später das entstehende Vakuum ausfüllen.

Das klingt, als seien Sie von dieser Entwicklung sehr überzeugt.
Ich hoffe nicht, dass ich recht habe, aber es weist einiges auf unruhige Zeiten hin.

Elbphilharmonie: 4.1.2019, 20 Uhr, Restkarten ab 63,50 Euro

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