Star-Architekten im Interview: „Dass die Elphi existiert, ist ein Wunder“

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Sie haben mit Sicherheit mehr als einmal bereut, sich auf die Elbphilharmonie eingelassen zu haben. Zehn Jahre lang hatten sie nur Ärger. Immer wieder musste die Eröffnung verschoben werden. Das Jahrhundertbauwerk wurde zur Skandalbaustelle. Im Gespräch mit der MOPO blicken Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die beiden Architekten der Elbphilharmonie, zurück.

MOPO:Herr Herzog, Herr de Meuron, war die Elbphilharmonie das bisher schwierigste Projekt Ihrer Karriere?
Jacques Herzog und Pierre de Meuron: Das jahrelange Problem mit den unsäglichen Kostensteigerungen und den Terminen war eine große Belastung für uns alle. Angetrieben wurden wir durch den Willen, das Projekt fertigzustellen und die Realisierung dieses unwahrscheinlichen Bauwerks zu erleben. Wir wussten ja, dass etwas Außergewöhnliches am Entstehen war. Das Projekt war also bestimmt „schwierig“ – wie Sie sagen –, aber auch elektrisierend und motivierend. Insgesamt also ein Lernprozess und ein Lehrstück.

Wenn Sie die Elbphilharmonie mit all den anderen Bauwerken vergleichen, die Sie geschaffen haben: Welchen Rang nimmt sie ein? Ist sie das Bauwerk, an dem Ihr Herz besonders hängt, das größte Projekt Ihres Lebens?
Das kann man nie von einem Projekt sagen, solange man ständig mit so vielen anderen Projekten beschäftigt ist. Man hat zu wenig Distanz zu den einzelnen Projekten, um eine derartige Sicht darauf zu entwickeln. Es ist auch nicht wichtig, dass wir selbst das entscheiden. Die Geschichte wird zeigen, ob etwas und allenfalls was „wichtig“ ist.

Wenn Sie das Gebäude heute sehen: Sind Sie zufrieden? Stolz? Glücklich? Was ist aus Ihrer Sicht das, was die Elbphilharmonie so besonders macht?
Das Besondere ist, dass sie existiert. Das ist wie ein Wunder. Die Leute sind fasziniert und fühlen sich vom Gebäude und vom Ort angezogen. Das gelingt selten und man kann es auch nicht ganz schlüssig erklären, sonst gäbe es ja viel mehr solche Orte auf der Welt.

Haben Sie selbst ein Konzert besucht?
Natürlich waren wir dort. Ein paar Mal, und hoffentlich immer wieder im Verlauf der nächsten Jahre. Das räumliche Erlebnis in dem hohen Raum, mit dem Orchester im Zentrum, und den Menschen ringsum ist sehr gelungen. Als Architekt sieht man aber immer auch Dinge, die man gerne ändern möchte…das ist wohl unvermeidlich!

Und wie ist das mit dem Klang?
Die Akustik können wir zu wenig beurteilen. Man hört jedes kleinste Detail – das haben einige kritisiert. Wir fanden das eher interessant.

Hätte der damalige Bürgermeister Ole von Beust 2005 der Bevölkerung gesagt, wie viel die Elbphilharmonie am Ende wirklich kosten würde, wäre sie wohl nie gebaut worden… Kann man Projekte dieser Größenordnung vielleicht nur dann umsetzen, wenn man der Öffentlichkeit am Anfang die Unwahrheit sagt?
Die Unwahrheit ist nie eine gute Strategie und schon gar keine Lösung. Niemand hatte irgendwelche hinterlistigen Pläne, die Bevölkerung hinters Licht zu führen. Aus heutiger Sicht ist es aber entscheidend, dass das Projekt so ein Erfolg wurde, als Wahrzeichen für die Stadt Hamburg und als Ort der Begegnung für ihre Bewohner und die Besucher aus aller Welt.

Die Elbphilharmonie in Zahlen

850.000 Menschen besuchten eins der 600 Konzerte, die es im ersten Jahr gab.

4,5 Millionen Besucher verzeichnete die Elbphilharmonie bisher.

70 Orchester spielten bis jetzt dort, 30 Chöre sowie rund 100 Ensembles und Bands traten auf, 110 Dirigenten standen bisher am Pult.

44 Luxusappartements befinden sich in der Elbphilharmonie. Das kleinste hat 120, das größte fast 400 Quadratmeter. Die Preise für die Wohnungen beginnen bei 15000 Euro pro Quadratmeter.

180.00 Tonnen Stahl wurden in der Elbphilharmonie verbaut. Im Eiffelturm stecken nur 7300 Tonnen Stahl.

82 Meter lang ist die gebogene Rolltreppe „The Tube“, die die Besucher vom Haupteingang sechs Stockwerke aufwärts führt. Die Fahrt dauert zweieinhalb Minuten. Von der Plaza in 37 Metern Höhe hat der Besucher einen fantastischen Blick über die Stadt und den Hafen.

200.000 Tonnen wiegt die Elbphilharmonie – so viel wie zweieinhalb Mal die „Queen Mary 2“.

16.000 Quadratmeter Fläche hat die markante Glasfassade. Das sind mehr als zwei Fußballfelder.

3000 Euro pro Nacht kostet die teuerste Suite in der Luxus-Herberge „The Westin“. Das Hotel hat 244 Zimmer, davon 39 Suiten. Das günstigste kostet 220 Euro/Nacht.

1111 Stützpfähle sorgten früher dafür, dass der Kaispeicher auf sicherem Fundament stand. Für die Elbphilharmonie mussten 650 hinzugefügt werden.

40.000 Kubikmeter umfasst der Große Saal. An den Wänden sind mehr als 10000 Kacheln aus hochverdichtetem Gips und Altpapier angebracht.

4765 Pfeifen hat die Orgel. Die längste ist zehn Meter lang, die kürzeste elf Millimeter. Die Orgel wiegt 25 Tonnen, 45 Orgelbauer haben daran zusammen rund 25000 Stunden gearbeitet.

230.000 Seiten dick waren die Akten des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses der Bürgerschaft, der das Desaster um die Kostenexplosion aufzuarbeiten hatte. Der Abschlussbericht, der Ex-Bürgermeister Ole von Beust (CDU) als Hauptschuldigen brandmarkt, hat 724 Seiten.

7 Jahre verspätet öffnete die Elbphilharmonie ihre Tore. Ursprünglich war die Eröffnung für 2010 vorgesehen.

855 Millionen Euro hat die Elbphilharmonie gekostet.

2100 Sitzplätze gibt es im Großen Saal der Elbphilharmonie. Die anderen beiden Konzertsäle des Hauses bieten Platz für 550 beziehungsweise 170 Besucher.