Von U-Boot-Sichtungen bis Toblerone: Hier gibt es die lustigste Hafenrundfahrt Hamburgs

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Sein Humor ist knochentrocken. Und weil er sie mit typisch hamburgischem Dialekt vorträgt, nämlich gaaaaanz schööööön breiiiiiiiit, kommen seine Witze doppelt so gut an. Alle Touristen krümmen sich, als Jens Zotz auf so ein drehendes Ding an Land zeigt und meint: „Nein, das ist kein Karussell für Möwen, sondern ein Radar!“ Oder als er plötzlich ganz aufgeregt ruft: „Leute, schaut mal nach links, da taucht gerade ein U-Boot der Schweizer Gebirgsmarine unter uns durch.“ Einige drehen sich tatsächlich nach links um… Großes Gelächter!

Wir machen das, was ein echter Hamburger eigentlich nur macht, wenn Besuch von außerhalb da ist: eine große Hafenrundfahrt. Und wir stellen fest: Selbst ohne Schwiegermutter aus Castrop-Rauxel macht das riesigen Spaß. Allerdings haben wir auch das große Glück, mit Jens Zotz (49) einen der erfahrensten Hafen-Guides überhaupt erwischt zu haben. Der Spaßvogel arbeitet an Bord der „Hafen Hamburg“, und dieses Fahrgastschiff gehört zum Traditionsunternehmen „Barkassen-Meyer“, das in diesem Jahr 100-jähriges Jubiläum feiert.

Auch Greenpeace bekommt sein Fett weg

Zu Zotz’ besten Sprüchen zählt der hier: „Wenn ich mich an Bord so umschaue, wird es jetzt für einige richtig interessant, denn rechts das große Backsteingebäude mit der Kuppel obendrauf ist das „Augustinum“. Das war mal das Union-Kühlhaus, da lagerte also frisches Fleisch. Heute ist genau das Gegenteil der Fall: Es handelt sich um eine Senioren-Wohnanlage für Superreiche.“

Dann kommt Zotz auf den Sandstrand zu sprechen, der sich von Övelgönne 12,5 Kilometer bis nach Blankenese erstreckt. „Im Sommer bei 30 Grad im Schatten liegen da die Leute dicht an dicht. Ich bin schon mal abends vorbeigefahren, da war es so voll, teilweise haben die Leute sogar übereinandergelegen…“

Zotz schenkt der Haifischbar tüchtig einen ein: „Hans Albers und Freddy Quinn hatten da drinnen ihre ersten Gesangsauftritte. Man hat die Haifischbar 1920 das letzte Mal renoviert, 1935 die Putzfrau entlassen und so sieht es da mittlerweile auch aus.“

Auch die Umweltschützer von Greenpeace bekommen ihr Fett weg: Zotz nennt die Umweltorganisation die größte Reederei der Welt – weil sie über 3000 registrierte Schlauchboote verfüge. Inzwischen sei die Organisation in die HafenCity gezogen, erzählt er. „Da kann man mal sehen, was mit Spendengeldern alles möglich ist.“

Bei Zotz stehen aber nicht nur Witze auf dem Programm

Ein paar Minuten später macht sich die „Hafen Hamburg“ auf den Weg zum Containerterminal Burchardkai. „Während wir jetzt das Hauptfahrwasser der Elbe queren, kann es passieren, dass unser Schiff doller schaukelt. Wird Ihnen schlecht, dann gehen Sie schnell zum Tresen, bestellen Sie sich eine heiße Schokolade und einen Pfefferminztee. Das hilft zwar nicht, aber der Rückweg schmeckt wenigstens nach After Eight.“

Nicht nur mit Späßen beeindruckt Zotz die Gäste. Er weiß auch eine ganze Menge. Das stellt er unter Beweis, als die „Hafen Hamburg“ die „Al Zubara“ passiert, einen riesigen Pott mit Platz für fast 20.000 Standardcontainer. Zotz wartet mit sehr vielen Details auf, erzählt, dass das Schiff 400 Meter lang ist, knapp 60 Meter breit und dass es 350 Tonnen Schweröl pro Tag verbraucht. Zotz kopfschüttelnd: „… und da machen wir so ein Theater wegen dem bisschen Diesel!“

Damit hat er sich selbst das Stichwort gegeben: Die Dieselfahrverbote in Hamburg bezeichnet er als „Schwachsinn“. „Die meisten fahren einfach drum herum, was längere Wege und noch mehr Abgase bedeutet. Fahrverbote bringen einen feuchten Furz“, findet er. „Sämtliche Schiffe, die im Hafen liegen, haben Tag und Nacht die Generatoren laufen.“ Zotz findet: „Wenn man was für die Umwelt tun will, dann muss man da anfangen.“

Auch der Nachwuchs hat bei „Barkassen Meyer“ angeheuert

Nach diesen ernsteren Worten macht Zotz eine Zigarettenpause. Zeit, ihm ein paar persönliche Fragen zu stellen. Der 49-Jährige erzählt, dass er früher auf Werften gearbeitet hat. Später fing er als Kellner auf einem Fahrgastschiff an. „Dann hat mich der Chef gefragt, ob ich nicht den Gästen auch ein bisschen was über den Hafen erzählen würde. Da habe ich gesagt: ,Das kann so schwer ja nicht sein.’“ Seitdem ist er „He lücht“. Ach, übrigens: Sohn Rico (30) und Tochter Xenia (16) haben inzwischen ebenfalls bei „Barkassen Meyer“ angeheuert.

Die Zigarette ist fertig geraucht. Weiter geht es mit Humor. Zotz informiert die Fahrgäste darüber, dass sich genau 32 Meter unter uns die Röhren des neuen Elbtunnels befinden. Er warnt: „Ihr könnt da gerne mal runter fotografieren, macht aber euren Blitz aus – nicht, dass ihr die Autofahrer erschreckt!“

Zotz erzählt, dass der Hamburger Hafen ein Gezeitenhafen ist und dass der Unterschied von Hoch- zu Niedrigwasser im Jahresdurchschnitt 4,10 Meter beträgt. „Deshalb sind die Landungsbrücken auch schwimmend, sonst müsstet ihr bei Niedrigwasser mit Leiter ins Boot und bei Hochwasser mit Gummistiefeln.“

Manchmal gebe es in Hamburg auch Sturmfluten. Als Erstes stehe dann der Fischmarkt unter Wasser. „Das wissen wir Hamburger, deshalb fahren wir unsere Autos rechtzeitig beiseite. Für euch Touristen macht das am nächsten Morgen die Feuerwehr.“

Im Hamburger Michel würde Zotz niemals heiraten

Zotz macht sich lustig über manch komischen Namen in Hamburg. „Warum der Reiherstieg so heißt, weiß ich nicht. Ich habe da noch nie einen Reiher gesehen. Aber macht nix. Es gibt in Hamburg auch einen Gänsemarkt ohne Gänse, einen Pferdemarkt ohne Pferde und einen Jungfernstieg – ihr könnt es euch vorstellen – ohne Parkplätze.“

Langsam geht die Tour zu Ende. Und Zotz läuft zur Hochform auf. Er erzählt, dass er niemals im Michel heiraten würde, weil es Tradition sei, nach der Trauung dort die Schwiegermutter sämtliche 453 Stufen bis zur Aussichtsplattform hochzutragen. „Das nennt sich bei uns ,Drachen steigen lassen’“, behauptet er. Alles brüllt vor Lachen.

Zum Schluss macht sich Zotz noch lustig darüber, dass der Architekt des Gruner+Jahr-Hauses glaubte, sein Gebäude sehe aus wie ein Schiff. „Kein Wunder, er war Bayer, was verstehen die schon von der Seefahrt?“ Zotz weiter: „Jetzt wird mir auch klar, warum die Elbphilharmonie aussieht wie eine Toblerone. Die Architekten kamen schließlich aus der Schweiz.“

Die Gäste an Bord kriegen sich kaum noch ein. Herrlich, dieser „He lücht“.

„Ein bisschen Schnack ist immer mit dabei“

„He lücht“, so werden die Barkassenführer in Hamburg traditionell genannt. Das kommt aus einer Zeit, als es im Hafen noch viele Seeleute und Hafenarbeiter gab. Und wenn die hörten, mit was für ’nem Tünkram die Barkassenführer ihre Passagiere auf den Schiffen unterhielten, dann riefen sie ihnen auf Plattdeutsch „He lücht!“ hinterher. Er lügt!

„Natürlich machen meine Barkassenführer nach wie vor ihre Witze, ein bisschen Schnack ist dabei, aber gelogen wird nicht, darauf lege ich Wert“, sagt Hubert Neubacher, 46-jähriger Chef des traditionsreichen Unternehmens „Barkassen Meyer“, das in diesem Jahr 100 Jahre alt wird. „In Zeiten von Internet und iPhone würde das auch sofort auffliegen. Wir sind Multiplikatoren, da können wir keinen Blödsinn erzählen.“ Neubacher lacht: „Wir übersetzen ,He lücht‘ heute lieber mit ,Er leuchtet‘, weil alle unsere Barkassenführer große Leuchten sind.“

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