Vor dem 1. Geburtstag : Das sagen die größten Kritiker der Elphi heute

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„Jahrhundertbauwerk“, „Traumschloss“, „Das Wunder von Hamburg“: Wir haben uns fast schon daran gewöhnt, dass über die Elbphilharmonie Lobeshymnen gesungen werden. Da wirkt es zum einjährigen Jubiläum überraschend und verstörend, was ein namhafter Hamburger Künstler, Schorsch Kamerun nämlich, über Hamburgs neues Wahrzeichen sagt: Er spricht gern von „dem Ding“, bei dem sich „ausgebüxter Kaufmannsstolz mit Dagobert-Duck-Fantasien“ getroffen habe. Und von einem „Selbstspiegelklotz, der vom Wellenreiten träumt“. 

Kamerun ist kein Fan der Elbphilharmonie. Das war er noch nie. Schon als das Projekt  aus der Taufe gehoben wurde, also vor bummelig zehn Jahren, sprach er sich dagegen aus. „Was mich an dem ehrgeizigen Megaprojekt vor allem gestört hat und noch stört“, sagt er, „ist, wie es entstand, nämlich über die Köpfe der Menschen hinweg. Stadtplaner dachten sich aus, dass eine mittlere Metropole wie Hamburg zum Weiteraufstieg einen Vorzeige-Konzertpalast benötigt, eine grell sichtbare Sensation.“

Jetzt, wo die Elbphilharmonie steht, er sie nicht verhindern konnte, da findet er: „Wir haben sie bezahlt, jetzt sollten wir sie auch alle nutzen können. Doch das ist gar nicht so leicht zu haben, weil die Elbphilharmonie als steile Attraktion und Magnet geplant ist, um noch größere Touristenmassen in die Stadt zu kobern. Da steht künstlerisches Programm und wer es nutzen darf nicht unbedingt im Vordergrund. Hauptsache, erst mal alle rein in den neuen heißen Tempel.“

Das habe zur Folge, „dass unser musischer Großauftritt – und das gilt für die umliegende HafenCity gleich mit – zuvorderst ökonomisch gelebt wird. Es gilt: Mehr Spektakel gleich mehr volle Busse und mehr Bettenbelegungen. Die ganze Gegend aber wird gefühlt zum Kurztripareal. Nachhaltige Lebendigkeit, welche alle Bürger mitnimmt, lässt sich nicht von oben inszenieren, dafür muss man die Leute von Beginn an mitnehmen. Dennoch: Ich finde, der Superbrocken Elphi gehört uns allen und wir müssen ihn sinnvoll nutzen und begehen, wie wir wollen.“  

„Symbol für die verschwenderische öffentliche Hand“

Wir haben noch einen Elbphilharmonie-Kritiker gefragt, was er heute, ein Jahr nach Eröffnung, denkt. Und ob er seine Meinung vielleicht geändert hat: Norbert Hackbusch, der bei der Linksfraktion unter anderem für Kultur zuständig ist.

Hackbusch sagt im Gespräch mit der MOPO: „Bis auf eingeschränkte Barrierefreiheit, Wasserschaden und Schimmelbefall scheint das erste Jahr ganz gut gelaufen zu sein. Bei aller Genre-Vielfalt wäre mir aber lieber, es gäbe noch weniger programmatische Exklusivität und mehr niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten für Off-Kultur-Akteure.“

Für Hackbusch ist und bleibt die Elbphilharmonie „das Symbol für die verschwenderische öffentliche Hand und für eine Kulturpolitik, die sich auf touristische Landmarks und Image-Inszenierung konzentriert. Wir senden Elphi-Hochglanzbilder in die Welt und behaupten, eine Kulturstadt zu sein. Dazu im Kontrast stehen die im Haushalt nach wie vor weitestgehend gedeckelten Kulturausgaben.“

Davon, dass die Elbphilharmonie positive Effekte auf die gesamte Kulturlandschaft hat, bin ich noch nicht überzeugt. Dass hier und da Glanz abfärbt – geschenkt. Aber von guten Arbeits- und Lebensbedingungen für Kulturschaffende sind wir in Hamburg noch weit entfernt. Dafür müssen kulturpolitische Konzepte und mehr Kulturhaushaltsmittel her.

Aus der Elbphilharmonie sei ein erfolgreiches Haus geworden. „Alles andere wäre nach der Kostenexplosion  ja auch eine Katastrophe gewesen“, so Hackbusch. Ob aber der Erfolg lange währt, ist für ihn nicht ausgemacht. „Warten wir mal ab, ob wir auch noch in drei, vier Jahren, wenn die   Anfangseuphorie verflogen ist, von einem Erfolg sprechen.“